Was also kann Therapie tun?
Therapie ist, wie jede andere Begegnung auch, eine potentielle ICH-DU-Begegnung. Gleichwohl der Therapeut ICH-DU-Begegnung nicht „herstellen“ kann, so kann er doch Bedingungen schaffen, innerhalb derer sie sich einfinden mag, bzw. er kann solche Bedingungen aus der Welt schaffen und so ihr mögliches Geschehen verhindern. – Eben dies, nicht mehr, aber auch nicht weniger, ist die Aufgabe des Therapeuten.
Collin G. Goldner, Vortrag zur Philosophie Martin Bubers in: Ich und Du, Kontakt – Begegnung – Beziehung, Dokumentation Münchner Gestalt-Tage 88
Leipzig, 4. April 2012
ICH und DU
„I do my thing, I am I,
you do your thing, you are you.
I am not in this world to live up to your expactations,
neither are you to live up to mine.
I am I und you are you
and if by chance we find each other, is‘s beautiful,
if not, it can‘t be helped.“
„Gestaltgebet“ (Fritz Perls 1976)
Wenn DU und ICH uns begegnen, wünsche ICH mir, all das Wissen um dich (DU) vergessen zu können. Ansonsten habe ICH bereits ein Bild von dir (DU) und das hindert mich daran, zu sehen, zu spüren, zu fühlen, wahrzunehmen wer DU bist, wie DU bist. So kann das (Da)zwischen nicht entstehen, kann keine Beziehung wachsen. Bilder verhindern Beziehung, seien es Traum- oder Feindbilder.
Leipzig, 8. Februar 2012
Frank-M. Staemmler schreibt in „Heilende Beziehung. Dialogische Gestalttherapie“, Hg. Erhard Doubrawa/Frank-M. Staemmler, Peter Hammer Verlag: „Veränderlichkeit bringt die Unsicherheit mit sich, nicht zu wissen, was im nächsten Moment, am nächsten Tag oder im nächsten Jahr sein wird. Diese Unsicherheit zu kultivieren, heißt optimistisch zu werden und Veränderung selbst dann für möglich zu halten, wenn man sie (noch) nicht erkennen kann.“
Bertolt Brecht hat es bildhaft so gesagt:
Die Folgen der Sicherheit
Ich höre, du willst
Deinen Wagen noch einmal wenden an der Stelle
Wo du ihn schon einmal gewendet hast. Dort
War der Boden hart.
Tue es nicht! Bedenke
Indem du deinen Wagen gewendet hast
Sind Furchen in den Boden gekommen. Jetzt
Wird dein Wagen dort steckenbleiben.
Leipzig, 14. Februar 2011
Eine ernste Frage
Im ersten Schnee
der früh fiel
dieses Jahr
spielen drei Jungen
Krieg.
Pengpeng
rufen sie
fallen und
stehen gleich wieder auf.
Den Schnee von den
Kleidern schüttelnd
fragt einer von ihnen:
Wie spielt man
eigentlich
Frieden?
Axel Kutsch, geboren 1945 in Bad Salzungen, lebt in Bergheim/Erft.
Leipzig, 22. Dezember 2010
Bitte
Wir werden eingetaucht und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut
Der Wunsch nach Landschaft diesseits der Tränengrenze taugt nicht
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch, verschont zu bleiben
taugt nicht
Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube den Zweig vom Ölbaum bringe
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden eine leuchtende Krone bilden
Und dass wir aus der Flut
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst entlassen werden
Hilde Domin
Leipzig, 14. Juli 2010
hoffnung
seiderä schdund schaui zum himml nauf
und zäbrechmä inn kubf ibä
ä klanns weiß wölkla
des wos scho lang widdä fodd is
ohne des klanne weiße wölkla
is dä himml blouß nu halb su blau
Fitzgerald Kusz, geboren 1944 in Nürnberg, lebt dort.
Leipzig, 11. Mai 2010
Ein Stuhl
Ein Stuhl, allein. Was braucht er? Einen Tisch!
Auf dem Tisch liegen Brot, Käse, Birnen, steht ein gefülltes Glas. Tisch und Stuhl, was brauchen sie?
Ein Zimmer, in der Ecke ein Bett, an der Wand einen Schrank, dem Schrank gegenüber ein Fenster, im Fenster einen Baum. Tisch, Stuhl, Zimmer … Was brauchen sie? Einen Menschen.
Der Mensch sitzt auf dem Stuhl, am Tisch, schaut aus dem Fenster und ist traurig. Was braucht er?
Hans Manz
Leipzig, 4. Mai 2010
Steinig ist der Weg und verschlungen, uneben ist er – mal bergauf, mal tief hinunter –, manchmal beklemmend eng, dann wieder Angst machend weit; endlos scheint er oft, dann wieder viel zu kurz. Abschnitte gibt es, da finde ich Halt. An anderer Stelle suche ich vergebens danach. – Fragen nach dem Sinn – Begegnungen – Nähe, Geborgenheit – Ferne, Einsamkeit – Hoffnung und Zuversicht – Verzweiflung, Wut und Trauer …
Weg zur Versöhnung
Geh ohne Waffen | ohne den Schutz der Ausflüchte | der Entschuldigungen | der Behauptungen | des Nicht-Wissens, des eigenen Leides | Geh mit ausgestreckten Händen | die nichts als dein Bereitsein für den Frieden tragen | Geh mit einem Herzen | das Heimat geben will dem Anderssein | dem fremden Hoffen | dem Rufen nach Gerechtigkeit | den brüderlichen Lasten – So gehe! ER/SIE/ES wird bei dir sein.
Leipzig, 25. März 2010
Diese Worte von Dorothee Sölle begegneten mir gestern:
Keinen tag
…
Keinen tag soll es geben
an dem du sagen musst
niemand ist da der mir kraft gibt zum widerstand
keinen tag soll es geben
an dem du sagen musst
niemand ist da der mir mut macht zum ungehorsam
keinen tag soll es geben
an dem du sagen musst
ich halte es nicht mehr aus
…
Leipzig, 12. Februar 2010
Wie oft enstehen im täglichen Zusammenleben Situationen, in denen auf ein Recht gepocht wird, es darum geht, dass etwas richtig ist. Und wie oft entstehen daraus Streit und Verdruss, verletzt eine(r) die/den andere(n). Die Scherbenhaufen sind groß, weltweit.
Jehuda Amichai, geb. 1924 in Würzburg als Ludwig Pfeuffer, schrieb das folgende Gedicht:
Der Ort, an dem wir recht haben
An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.
Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde.
1935 wanderte Jehuda Amichai mit der Familie aus nach Palästina. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in der British Army, nach Kriegsende im Palästinakrieg für die Unabhängigkeit Israels. Er war Anwalt des Friedens und der Aussöhnung im Nahen Osten und arbeitete intensiv mit palästinensischen Autoren zusammen. Jehuda Amichai starb 2000 in Jerusalem.
Leipzig, 22. Januar 2010